350 (!) Bewerbungsgeschichten aus dem Alt-Tag

Wie schreibt frau drüber, wenn das Herz berührt wird? Das fragen sich viele und so viele können das so viel besser als ich hier. Und dennoch ist es mir und uns ein Bedürfnis mit euch zu teilen, was in den letzten Wochen großteils im Hintergrund des Vollpension Universums passiert ist.
Neben viel Freude und dem ganzen “Hurra, Hurra, wir sperren ein zweites Lokal auf” kamen mit der Freude auch einige harte Erkenntnisse über die Welt in der wir uns bewegen und die wir versuchen zu gestalten.
Vor ein paar Wochen haben wir über unsere Social Media Kanäle darauf hingewiesen, dass wir für unseren zweiten Vollpension Standort Senior*innen suchen, die gerne für 5-10h/ Woche mit uns mitarbeiten möchten. Und die Resonanz darauf hat uns fast umgehauen (das passiert in der Regel nicht so schnell).
Über 350 Bewerbungen von älteren Menschen sind innerhalb weniger Tage bei uns eingeflattert. Per Telefon, per Mail, wunderschön liebevoll handgeschriebene Briefe, teilweise Fotos von den Bewerber*innen selbst, von Torten-Kunstwerken und ganz persönliche Bilder aus ihrem Leben. Jetzt könnte man sagen “Was für ein Erfolg!”, „Die Vollpension geht voll auf”.

Ja eh…

Und gleichzeitig hat uns das sehr traurig und nachdenklich gemacht. Wir haben jeden einzelnen Brief, jede Nachricht und jedes Gespräch mit offenem Herz gelesen und geführt und versucht zu verstehen, was die einzelnen Geschichten, die da so kamen, mit dem einzelnen Menschen, von dem sie kamen, machen.
Das sind Geschichten von “Nicht mehr gebraucht werden”, von “Ich habe keine Chance am Arbeitsmarkt aufgrund meines Alters”, von “Ich will anpacken, weiß aber nicht genau wo”, von „ich hab mein ganzes Leben gehackelt und und jetzt reicht die Pension zum Leben nicht” undsoweiterundsofort.
Geschichten der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Abhängigkeitsgeschichten, die das Thema Un-Gleichberechtigung von Mann und Frau so absurd real aufzeigen, Geschichten von Armut, Geschichten der Einsamkeit.
Und das mitten in der lebenswertesten Stadt der Welt. Wo wir doch so viele sind, die eigentlich miteinander sein und aufeinander Acht geben könnten.

Was machen wir jetzt? In erster Linie mal weiter…
Wir können natürlich als kleines Sozialunternehmen nicht sofort all die 350 Menschen und mehr bei uns beschäftigen. Aber wir können weiter an unserer Vollpension arbeiten und ganz konkret unsere gemeinnützigen Community Aktivitäten weiter ausbauen.
Und wir werden im nächsten Schritt versuchen im Rahmen einer Studie besser herauszufinden was wirklich die Motive sind dafür, dass so viele ältere Menschen aktiv bei uns angeklopft haben.

Wir können weiterhin Räume bauen wo Alt und Jung in der Stadt zusammenkommen und in authentische Interaktion treten und schauen, dass wir immer wieder aufs neue unsere eigenen Herzerl öffnen.

Damit wird´s aber nicht getan sein. Wir, und das sind wir alle, jeder einzelne Mensch, die Zivilgesellschaft, Unternehmen und aber auch die Politik sind dazu angehalten, neue zeitgerechte Formen des Miteinanders der Generationen zu finden und diese zu leben und näher zusammen zu rutschen. (Das mit dem Zusammenrutschen gilt übrigens nicht nur für Generationen-Diversität, das würd uns allen generell nicht schaden!)
Und: es braucht eine politische Lösung für ein gerechteres Pensionssystem, das endlich dagegen steuert, dass vorallem Frauen höheren Alters strukturell in die Armutsfalle rutschen bzw. in Abhängigkeit leben (wir schreiben das Jahr 2019 und so….).

Und während wir gemeinsam Lösungen finden müssen, wie niemand in diesem reichen Land Österreich in die Armutsfalle Alter mehr rutschen muss, geht´s am Ende hier auch mal wieder darum Verbindung zwischen uns Menschen und unserer Umwelt zu schaffen.
Und das geht gar nicht mal so schwer. Im Bus, im Park, im Stiegenhaus- wir werden in Zukunft da noch besser drauf schauen, dass wir Menschen, egal welchen Alters und egal welcher Herkunft und egal wer sie sind, bewusst entgegentreten, wir bewusst ein Lächeln schenken und Momente der Verbindung kreieren. Das kann jede*r von uns, immer und überall. Und das gute daran ist: am Ende geht´s einem selber besser.
Magst DU´s einfach mit uns ausprobieren?

Und das Wichtigste zu Schluss: Wir sind voller Dank für die vielen Briefe und Bewerbungen, die wir bekommen haben und haben unser Bestes gegeben euch allen adäquat zu antworten, mit euch zu telefonieren und haben so viele wie es uns in unserem kleinen Team möglich war, getroffen.
Danke an dich fürs Einen-Ruck-Geben, das Leben selber in die Hand nehmen und auf uns Zu-Kommen. Wir sind dran uns weiterhin zu vermehren und noch mehr Möglichkeit für die Mitarbeit in der Vollpension zu schaffen.
Bis dahin freuen wir uns auf euch in der ein oder anderen Vollpension oder als Teil unserer Community!

Alles alles Liebe von Herzen von uns allen und bis ganz bald!